Oftmals sind Gewaltspiele und Videospiele im Allgemeinen dann in aller Munde, wenn kurz zuvor eine tragische, massive, von einem jungen Menschen ausgeführte Gewalttat passiert ist. Jedoch versiegt das öffentliche Interesse am Thema nach ein paar Wochen oder Monaten wieder - bis wieder etwas passiert, und dann geht es von vorne los. Im Zuge der Diskussion werden auf der einen Seite Verbote gefordert, andere wollen endlich "besseren Jugendschutz", und wieder andere lassen die Diskussion an sich vorbeiziehen, denn die nächste kommt bestimmt, und bisher hat sich nichts geändert: PEGI-Klassifikationen werden immer noch zu wenig ernst genommen. Das ist aus Sicht des Jugendschutzes sehr bedenklich, denn gross angelegte Informationskampagnen und ähnliche Projekte finden zwar zuerst sehr viel Zulauf und Interesse, doch mit der Zeit wird es schwierig, noch jemanden für ehrlichen Jugendschutz zu begeistern.

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Das renommierte deutsche Videospielemagazin „GEE“ hatte in einer seiner letzten Ausgaben in einem exzellenten Artikel die Problematik „Killerspiele“ in aller Ausführlichkeit behandelt. Der Artikel ist nun auch kostenlos im Internet verfügbar, weshalb wir ihn euch nicht vorenthalten wollen:

GEE: Der grosse Graben

Anders als viele Schweizer Medien greift GEE das Problem differenziert auf, und eruiert schnell, wo das Problem liegt. Die Gewaltspiel-Debatte ist ein Generationenkonflikt, und ein Konflikt der Unwissenheit:

"Es geht bei diesem Konflikt nicht nur um das Verhältnis von Eltern und Kindern, sondern auch um Technologien und ihre Beherrschung" sagt der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl von der Berliner Humboldt-Universität: "Jugendliche sind im Besitz eines technologischen Wissens um Kommunikationsformen, das sich absetzt von der Brief- und Schriftkultur der Eltern, aber auch von den bisher geläufigen Massenmedien." Plötzlich ist der Wissensvorsprung der Älteren dahin, und damit ihr jahrhundertealtes Selbstverständnis - dass sie, die Erwachsenen, den Kindern etwas beibringen. Das verstärkt das Misstrauen gegenüber Computerspielen. Die lärmenden, schillernden und manchmal auch bluttriefenden Lustgärten des digitalen Wandels werden von jenen verteufelt, die keine Eintrittskarte lösen können oder wollen.

Der grosse Graben - GEE 04/2009

Wir verzichten hier darauf, den gesamten Artikel zu rezitieren, denn er ist auf der Website des GEE Magazins frei verfügbar, viel Spass beim Lesen!

Die sinnlose Gewalt und die unfassbare Brutalität des Schlägertrios, das in München mehrere Menschen fast totprügelte, hält momentan die Schweiz in Atem. Die Medien sprechen von einem "Amoklauf ohne Waffen". Überall wird nach Erklärungen gesucht, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Dabei kommen die meisten zum Schluss, dass die Gewalt durch etliche verschiedene Faktoren ausgelöst wurde: Alkohol und Tabakkonsum, angestaute Aggressionen, Geltungsdrang et cetera. Nicht wenige kommen zum Schluss, dass solch eine Gewalttat nicht allein mit diesen Faktoren erklärt werden kann.

Ganz anders Roland Näf, der diese schreckliche Tat für seine politischen Zwecke zu missbrauchen versucht. Er veröffentlichte vor kurzem einen Bericht auf der Webseite seines Vereins gegen mediale Gewalt (vgmg.ch), in dem er die Schuld an den Straftaten der Küsnachter Schäger vollumfänglich „Gewaltmedien“ zuschreibt:

Der offensichtliche Abbau der natürlichen Hemmung und der fehlende Respekt lassen sich mit dem Konsum medialer Gewalt erklären.

Diese Aussage ist symptomatisch für Näfs verzerrtes Bild von Killerspielen. Ohne es irgendwie belegen zu können, ja, gar ohne es zu versuchen, wirft Herr Näf einfach seine Vermutung in den Raum und stellt sie als Tatsache dar. Killerspiele führen zu Respektlosigkeit und Hemmungslosigkeit. Dass sich hier auf GameRights.ch und im Verein hunderte Gamer tummeln, bei denen Respekt und Anstand immer noch vorhanden sind und die auch ihre natürliche Tötungshemmung durch ein bisschen Knöpfedrücken wundersamerweise noch nicht verloren haben, wird schlicht ausgeblendet. Zudem macht sich Näf nicht einmal die Mühe, weitere Ursachen zu suchen, sein zuvor immer wieder genanntes Prinzip der Multikausalität hat er offenbar vergessen. Inkonsequenterweise werden die anderen drei der von ihm oft rezitierten amokfördernden Faktoren wie Waffenzugriff oder fehlende elterliche Aufsicht schlicht nicht erwähnt.

 

Letzte Woche hat der Grosse Rat des Kantons Freiburg dessen Kantonsregierung dazu verpflichtet, sich mittels Standesinitiative auf Bundesebene für ein Verkaufsverbot von Gewalt darstellenden Computerspielen einzusetzen (diverse Medien berichteten). Die Motion wurde im Grossen Rat mit 76 zu 2 Stimmen deutlich gutgeheissen. Als nächster Schritt wird nun die Kantonsregierung den genauen Wortlaut der Standesinitiative erarbeiten und dem Grossen Rat vorlegen.

Nachdem bereits der Kanton St. Gallen im Mai dieses Jahres und der Kanton Bern im April gleich lautende Forderungen auf Bundesebene eingereicht haben und der Nationalrat am 3. Juni 2009 im Rahmen der Verschärfungen des Strafrechts auf die Motionen Allemann und Hochreutener eingetreten ist, mag man sich Fragen, weshalb nun der Kanton Freiburg nachträglich auch noch auf diesen Zug aufspringt.

Im Vereinigten Königreich wird gemäss gamesindustry.biz das PEGI-System als Standard für Altersangaben eingeführt. Was GameRights und weitere Game-Communities in ähnliches Form für die Schweiz fordern, wird dort also effektiv umgesetzt: Die PEGI Ratings werden gesetzlich verankert und somit für alle Händler verbindlich. Ausserdem haben PEGI Änderungen der Klassifikationssymbole angekündigt; Neu werden die Altersangaben farblich hinterlegt, die Inhalte genauer angegeben und extreme Inhalte wie starke Gewaltdarstellung oder Ähnliches eigens deklariert. Des Weiteren wird ein "PEGI OK" Label eingeführt, welches für kleinere Casual- und Online-Spiele angewendet werden kann. Ein Spiel mit dem "PEGI OK"-Label hat nach strenger Prüfung keinerlei Inhalte, welche zu einem Rating wie 3+ oder höher führen würden. Dies ist ein massiver Schritt in Richtung sinnvollen Einsatzes des bereits seit längerem bestehenden und etablierten PEGI-Systems, und auch das Argument der Verbotsbefürworter, dass die PEGI-Symbole unübersichtlich und leicht übersehbar seien, sollte nun kein Gewicht mehr haben:

"The Video Standards Council will oversee the system independent of the games industry, and will implement the PEGI system for all titles released in the region.

"Protecting children and giving parents a clear and robust new system has always been our starting point. The new system of classification follows the essential criteria set out by Professor Tanya Byron, who recommended a trustworthy, uniform and clear set of symbols that is flexible and future proof," commented Creative Industries Minister Siôn Simon."

gamesindustry.biz: PEGI becomes UK standard for game ratings. http://www.gamesindustry.biz/articles/pegi-becomes-uk-standard-for-game-ratings

Reto Knobel, "Digital"-Redaktor bei tagesanzeiger.ch , brüskierte sich unlängst in einem kurzen Artikel mit zwei Bildern darüber, dass über die Schweinegrippe bereits kleine Flash-Games geschrieben wurden. Der Artikel mit dem Titel "'Beginnen Sie mit der Infizierung' - So krank ist die Gamewelt" hat folgenden Text:

Ist das lustig? Auf Swinefighter.com können gelangweilte Bürolisten mit einer Spritze infizierte Schweine jagen: Gelingt es, das Tier zu pieksen, wird es rot und verschwindet. Immerhin: Der Grundgedanke dahinter – die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern – ist sympathisch.

Andere Flash-Games zur Schweinegrippe hingegen müssen ziemlich kranken Hirnen entsprungen sein: So ist «Pandemic 2»-Gewinner derjenige Spieler, der die aggressivsten Viren, Bakterien und Parasiten züchten kann und damit die ganze Menschheit infiziert. Über das Game «Sneeze» muss der Gamer möglichst viele Menschen anniessen und krank machen.

Reto Knobel (rek): 'Beginnen Sie mit der Infizierung - so krank ist die Gamewelt', 10.06.2009, http://www.tagesanzeiger.ch/digital/internet/Beginnen-Sie-mit-der-Infizierung-So-krank-ist-die-Gamewelt/story/19646138

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