First Person Shooter führen zu besseren kognitiven Fähigkeiten

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  • 26. April 2010
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Dr. Lorenza Colzato

Bisher setzten sich Studien im Zusammenhang mit Ego- oder First Person Shootern (FPS) vorwiegend mit der Frage nach dem Einfluss auf das Aggressionsverhalten des Spielers auseinander. Ergebnisse, welche eine gewisse Gefährdung bei Kindern nicht vollumfänglich ausschliessen konnten, wurden von den Gegnern dieser Spiele gerne als Rechtfertigung für ein Verbot, auch für Erwachsene, fehlinterpretiert. Bis heute konnte die Schädlichkeit solcher Spiele für Erwachsene wissenschaftlich nicht belegt werden.

Die Popularität dieser Spiele weckt aber allmählich auch in der Forschung das Interesse jenseits der Aggressivitätsfrage. So hat Dr. Lorenza Colzato (Bild) vom Institute for Brain and Cognition der Universität Leiden (NL) den Einfluss von FPS auf die kognitiven Fähigkeiten erforscht. Die Studie "DOOM’d to switch: superior cognitive flexibility in players of first person shooter games" wurde am 24. April 2010 im Fachmagazin "Frontiers in Psychology" publiziert und kommt zur Konklusion, dass Spieler von FPS schnellere und gleichzeitig flexiblere kognitive Fähigkeiten haben als vergleichbare Nicht- oder Gelegenheitsspieler.

An der Studie nahmen 34 Personen teil. Die Hälfte der Teilnehmer mussten als Kriterium seit mindestens 6 Monaten viermal oder öfters in der Woche Computerspiele wie "Call of Duty: Modern Warfare", "Unreal Tournament", "Battlefield" oder "GTA IV" spielen. Die anderen 17 Teilnehmer hatten wenig bis keine Erfahrung mit Computerspielen.

Die Studie führte unter anderem zum Ergebnis, dass FPS-Spieler durchschnittlich eine merklich kürzere Reaktionszeit beim Wechseln zwischen verschiedenen komplexen Aufgaben benötigten als die Nichtspieler. Auch repetitive Aufgaben konnten schneller gelöst werden. Die Studienleiterin führt diese verbesserten Fähigkeiten auf die Komplexität moderner FPS zurück:

"The new generation of “First Person Shooter” (FPS) games (compared to older generation games) are not just about pressing one button at the right moment, but require the players to develop a flexible mindset that allows them to engage in complex scenarios, to rapidly react to moving visual and sudden acoustic events, and to switch back and forth between different subtasks."
frontiersin.org; "DOOM’d to switch: superior cognitive flexibility in players of first person shooter games"; Dr. Lorenza Colzato, 21.04.2010; http://frontiersin.org/psychology/cognition/paper/10.3389/fpsyg.2010.00008/pdf

Gleichzeitig würdigt Dr. Colzato das Studienergebnis auch kritisch. Einerseits wirft sie die Frage auf, ob Personen, die eine Affinität zu FPS haben, nicht von Haus auf, also genetisch bedingt, eine bessere kognitive Fähigkeit besitzen und sich dadurch zu diesen Spielen quasi "hingezogen" fühlen. Diese Vermutung relativiert sie jedoch, da auch Nichtspieler nach einigen Monaten Training ihre kognitiven Fähigkeiten verbessern konnten:


"However, several studies in which NVGPs (Nichtspieler, anm. d. Red.) were trained for several months on action videogame have shown strongly improved performance in tasks requiring good spatial resolution in vision and the efficient distribution of visual attention (Green and Bavelier, 2003, 2006a,b, 2007)."

Andererseits hinterfragt sie das Ergebnis auch dahingehend, ob die Erkenntnis der verbesserten kognitiven Fähigkeiten explizit auf FPS zurückzuführen ist oder ob auch "aggressionsfreiere" 3D-Spiele wie "Super Mario Galaxy 2" zu diesem Ergebnis geführt hätten. Die Autorin vermutet, dass die Ego-Perspektive eine wesentliche Voraussetzung darstellt. Wie bereits beschrieben, fordern moderne FPS die kognitiven Fähigkeiten eines Spielers enorm. Bei FPS geht es primär nicht ums "Töten", sondern ums "Überleben". Wer sich zum ersten Mal an ein solches Spiel heran wagt, "überlebt" in der Regel nicht lange. Zu Recht fordert die Autorin jedoch, dass ihre Vermutung noch näher erforscht wird:

 


"From preliminary results we are lead to believe that it is in particular the first person perspective (as in the FPS games) that allows for cognitive improvement, but more systematic research on this issue is necessary."

 

Mit den Erkenntnissen aus dieser Studie will Dr. Colzato die Forschung motivieren, die Relevanz der Computerspiel-Erfahrung noch mehr zu ergründen, beispielsweise hinsichtlich geistiger Fitness im Alterungsprozess:


"It seems of societal relevance to devote more research on the functional significance of videogame experience for the adaptive control of behaviour, for example in healthy aging. Indeed, training elderly with videogames may be a successful strategy to compensate for losses in their ability to adapt and restructure the cognitive system in response to changing situational demands – a skill that is essential for almost all “functional” everyday behaviour."

Auch wenn die Seriosität der Forscherin sie selbst dazu verpflichtet, das Ergebnis ihrer Arbeit kritisch zu hinterfragen, attestiert sie im Kern der Studie einen positiven Einfluss der FPS auf die kognitiven Fähigkeiten der Spieler. Fernab der längst widerlegten Behauptung gewisser FPS-Gegner, dass diese Spiele vom Militär für ihre eigene Zwecke entwickelt werden, öffnet diese Erkenntnis neue spannende Forschungsfelder wie beispielsweise die erwähnte "geistige Fitness" im Alter oder die Steigerung der kognitiven Fähigkeiten von Spezialisten wie Chirurgen oder Piloten in Ausnahmesituationen.


"If someone likes violent video games it does not mean they will engage in anti-social behaviour. Parents should not be scared to let their children play video games."
silobreaker.com: Dr. Lorenza Colzato; http://www.silobreaker.com/study-violent-video-games-provide-brain-boost-5_2263394057499705369

 

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